Die Graugans war in Norddeutschland ausgestorben. Durch intensive Jagd, Ausnehmen der Nester und Wegfangen der Küken gab es diese Art als Brutvogel bei uns nicht mehr. Moore und Sümpfe als ursprüngliche Lebensräume wurden zerstört und trockengelegt.

In den 50er und 60er Jahren wurde in ganz Deutschland damit begonnen, Graugänse wieder anzusiedeln. In Hamburg setzte man vor allem zahme Gänse aus Wasservogelhaltungen aus. Parkteiche sollten bereichert werden (daher gibt es noch heute recht zutrauliche Charaktere). Jäger wollten im Umland wieder schnell mehr Wild zum Erlegen haben.

Das Zugverhalten ist bei Gänsen nicht angeboren. Zugwege, Rastplätze etc. lernt der Nachwuchs von den Eltern.

Diese wertvollen Informationen über den Vogelzug fehlten den ausgewilderten Gänsen damals natürlich. Ihnen hat niemand gezeigt, wann man wohin fliegen muss oder kann.

Teilweise zogen die Graugänse mit anderen durchziehenden Artgenosssen mit, andere blieben ihrem Stadtteil treu. So entstanden mit der Zeit Zugtraditionen in alle Himmelsrichtungen, aber auch Standvögel mit einem eher beschränkten Aktionsradius.
Wenn es heute also Graugänse gibt, welche gar nicht oder nur sehr begrenzt ziehen, liegt das nicht unbedingt am Klimawandel, sondern an der Tradition der Eltern, welche nicht gelernt haben wegzuziehen. "Was Hans nicht lernt lernt Hänschen nimmermehr". Doch auch der Nachwuchs von Standvögeln kann mit "flugfreudigeren" Artgenossen wegziehen und/oder die Zugstrategie des oder der Partnerin annehmen.

Es gibt nicht "die Hamburger Graugans". Man kann auch nicht sagen alle Eppendorfer fliegen nach der Brutzeit in die Wedeler Marsch, alle Jenfelder ziehen an die Ostsee, alle Barmbeker fliegen nach Brandenburg oder alle Alsterdorfer bleiben zu Hause. Vogel einer Population können die unterschiedlichsten Zugstrategien verfolgen. Für den Au­ßen­ste­hen­den sehen die Gänse in einem Trupp erstmal alle gleich aus, doch jede Familie und jedes Paar hat eigene "Vorlieben".


Um diese und andere Entwicklungen nachvollziehen zu können, werden in mehreren europäischen Projekten Graugänse markiert. In Hamburg werden seit 1988 Graugänse mit Ringen der Vogelwarte Helgoland markiert. Über die Jahre hinweg lassen sich bestimmte Zugmuster, Aufenthaltsorte, soziales Verhalten etc. bestimmen. "Nebenbei" werden die Bestände und Brutpaare erfasst. Alles "gans" ehrenamtlich.