Hamburg ist eine der grünsten Metropolen Europas.

Die Stadt bietet mit ihren vielen Gewässern und Grünanlagen ideale Bedingungen für Wasservögel, insbesondere Gänse. Sie finden in der Hansestadt viele Seen und Teiche mit Inseln zum Brüten und Ruhen. Graugänse gehören mittlerweile zum Hamburger Stadtbild wie etwa die berühmten Alsterschwäne.

Nur in den Parks verlieren die Graugänse ihre Scheu und lassen sich dann bei ihrer aus Menschensicht oft "kreativen" und interessanten "Bewältigung des Alltags" oft aus nächster Nähe beobachten.

Gans schlau: Die Gänse wissen, dass sie in den Parks nicht bejagt werden dürfen. Außerhalb der Stadt, wo gejagt wird, verhalten sich die selben Gänse wesentlich scheuer!

Eine Grauganspopulation mitten in einer Millionenmetropole macht Hamburg zu etwas Gans Besonderem.

Viele Hamburger wissen noch erstaunlich wenig über die gefiederten "Langhälse". Voruteile machen die Runde. Je nach Jahres- und Tageszeit werden einzelne Parkanlagen unterschiedlich stark genutzt. Zu bestimmten Jahreszeiten werden viele Parkanlagen sogar komplett von Graugänsen geräumt. Gans ist nämlich nicht gleich Gans! Jeder Vogel besitzt seine individuelle Persönlichkeit, bevorzugt bestimmte Parks bzw. Brutreviere, lebt in einer bestimmten Sozialstruktur und verfolgt einen bestimmten eingeprägten Zugrhythmus. Manche Gänse sind sehr standorttreu und verlassen ihren Bezirk nur selten. Der Großteil des Hamburger Graugansvolkes ist allerdings recht mobil und verlässt regelmäßg die Stadt. Dabei taucht die eine oder andere Gans auch schon mal im Ausland auf.

Manche Populationen sind gewachsen, andere wiederum zurück gegangen. Einige Gebiete wurden neu besiedelt, andere Gebiete wieder verlassen.

Viele Gänse sind nur zur Brut- und Mauserzeit von März bis Juni in Hamburg.

Viele Hamburger erfreuen sich an diesen eleganten Vögeln; sei es beim Beobachten, wie Gans und Ganter den Alltag in der Großstadt meistern oder wenn sie rufend über den Dächern der Stadt dahinziehen.
Manche Anwohner haben sogar ihre Lieblingsgans, welche sie seit der Beringung als nichtflügges Küken verfolgen. Andere freuen sich, wenn altbekannte Gänsefamilien ihren Garten besuchen und stolz ihren Nachwuchs präsentieren oder bestimmte Gänse den Winter und die Jagdsaison heil überstanden haben und im Frühjahr wieder an ihren vertrauten Brutplätzen erscheinen. Aber man erfreut sich ebenso an neuen "Gesichtern" und deren Lebensgeschichte, welche oftmals durch die Beringung dokumentiert ist.

Ursprünglich wurden Gänse wieder ausgewildert um Parks zu beleben und um im Umland wieder mehr jagdbare Arten anzusiedeln; dies ist sichtlich gelungen. Die Bestände der Graugans haben sich mittlerweile wieder erholt und sind stabil.
In einigen Gebieten findet man fast das ganze Jahr über Graugänse, so dass man denken könnte, es handelt sich bei dieser Art um reine Standvögel. "Die Graugänse sind doch immer hier". Wie Beringungen allerdings zeigen, sind die Trupps "bunt" durchmischt und beinhalten je nach Jahreszeit und Witterung die unterschiedlichsten Individuen. Graugänse sind dann zwar da, aber nicht immer die gleichen.
Dank der Zutraulichkeit in den Parkanlagen können wir die verschiedensten Verhaltensweisen aus unmittelbarer Nähe beobachten, ohne teure Optik einsetzen zu müssen. Sobald die Gänse allerdings das Stadtgebiet verlassen haben, passen sie sich den Gegebenheiten an und verhalten sich ebenso scheu, wie ihre Artgenossen aus der "Wildnis".

Wie so oft, wenn sich der Mensch einen Lebensraum mit einem Wildtier teilen muss, sind Konflikte vorprogrammiert. Gänse suchen ihre Nahrung fast ausschließlich an Land. Die abgefressenen Grashalme vermisst niemand in den Parks, doch die Hinterlassenschaften können störend sein. Denn anders als bei Enten oder den Alsterschwänen verschwindet ihr "Geschäft" nicht sofort im Wasser und ist für den Menschen "unsichtbar". Die Düngung und die Kurzhaltung des Rasens ist somit sichergestellt.
Gefährlich ist der Gänsekot für Menschen in der Regel aber nicht; Probleme sind eher ästhetischer Natur. Gänse unterscheiden beim Rasen nicht zwischen Liegewiese, Spielplatz oder Fußballplatz; für sie zählt: Hauptsache grün und schmackhaft! Durch gezieltes Gänsemanagement können solche Nutzungskonflikte vermieden werden.

Sind es nicht zu viele Gänse?

So eine Denkweise entspringt häufig in unserem Gedächtnis. Unsere Elterngenerationen kannten kaum Gänse in freier Wildbahn, da die meisten Gänsearten nach dem Zweiten Weltkrieg fast ausgestorben waren. Sie sind ohne Gänse in der Landschaft aufgewachsen und so war es für sie "normal".
Damals reisten noch Scharen von Hobbyornithologen quer durch die Republik, wenn irgendwo größere Gänsetrupps rasteten.
Heute gibt es wieder Gänse in der freien Natur. So kommt schnell das falsche Bild rüber, dass viele Gänsearten stark zugenommen haben. Wo Gänse vor 30 Jahren noch ausgestorben waren, gibt es sie wieder in größerer Zahl. Daraus schließen einige Menschen dann, dass es Überpopulationen gibt, weil sie es aus ihrer Kindheit einfach nicht anders kannten. "Früher gab es hier keine Gänse". Natürlich gab es im Gegensatz zu den ländlichen Regionen in den Städten nie große Wildgansbestände; dass die Gänse in den Parks häufig recht zutraulich sind, liegt daran, dann man während den Wiederansiedlungsaktionen auch zahme Vögel von Wassergeflügelzüchtern ausgewildert hat.
Die nächsten Generationen werden sagen: "Gänse? Klar, kenn ich! Die gibt's doch schon immer hier."

Was die Brutpaare angeht ist es nicht entscheidend wie viele Paare brüten, es ist auch nicht entscheidend wie viele Gössel schlüpfen. Denn die Anzahl der Familien ist völlig egal!
Entscheidend ist es wie viele Gössel insgesamt flügge werden und das erste Lebensjahr überstehen! Mehr Familien heißt nicht gleich mehr Gänse, denn der soziale Stress steigt und die vorhandene Nahrung sinkt. Je mehr Gänse, desto geringerer Bruterfolg in einer Population.

Geht es den Gänsen in der Stadt besser als im Umland?

An den Hamburger Kanälen gibt es nur wenige Parks welche für Gänsefamilien geeignet sind. Solange der Gänsenachwuchs noch nicht fliegen kann sind die Familien auf flache Ufer mit ausreichend Rasenflächen angewiesen. Da die Gänse teilweise im Minutentakt von Hunden gejagt werden, müssen sie immer in Ufernähe bleiben um bei Gefahr schnell auf das sichere Wasser flüchten zu können.
Hohe Ufermauern können die Küken nicht überwinden. In den wenigen geeigenten Grünanlagen sammeln sich dann natürlich alle Familien aus der Umgebung. Auch Gänse ohne Nachwuchs sind während der Mauser flugunfähig und suchen dann genau solche Parks mit flachen Ufern auf. So ensteht häufig der Eindruck dass es sehr viele Gänse sind. Wenn man aber bedenkt dass eine bestimmte Wiese häufig die einzige Nahrungsfläche weit und breit ist, relativiert sich der Eindruck schnell wieder.

Am Hamburger Osterbekkanal gibt es beispielweise auf vier Kilometern Länge nur eine Parkanlage mit einem flachen Ufer, logisch dass dort alle Gänsefamilien zusammen kommen; wenn es in einer Kleinstadt wie Bremen nur ein oder zwei Supermärkte geben würde, wären diese auch entsprechend gut genutzt.

Bei gutem Wetter können viele Rasenflächen durch den menschlichen Freizeitdruck nicht oder nur begrenzt genutzt werden. Der starke Bootsverkehr bei Schönwetterphasen sorgt für weitere Gefahren, vorallem die schnelleren Ruderboote ohne Steuermann können gefährlich werden. Denn die Küken verschiedener Wasservögel werden leider oft gar nicht oder zu spät gesehen und von den Rudern erschlagen.

Durch die vielen Gefahren und Gegebenheiten entlang der Kanäle braucht der Gänsenachwuchs hier meist etwas länger um flügge zu werden als ihre Artgenossen beispielsweise am Stadtrand.

Ein zentrales Problem in Hamburg ist auch, dass die Zahl der Einwohner, Hunde und die der Graugänse zugenommen hat - die Zahl der Parkanlagen in Wassernähe steigt dagegen kaum! Stattdessen werden immer mehr Freiflächen zugebaut und der "Druck" auf die vorhandenen grünen Oasen und Uferbereiche steigt. Diese "Überlastung" senkt die Lebensqualität von Mensch und Tier und führt zwangsläufig zu Konflikten. Werden Wiesen am Stadtrand bebaut, verschwinden weitere Nahrungsflächen für Gänse, die restlichen Wiesen werden stärker genutzt und das freut nicht jeden Landwirt.

Warum sind die Gänse dann in der Stadt?

Gänse sind Gewohnheitstiere und was den Brutplatz angeht extrem standorttreu. Häufig wird das selbe Nest über Jahre hinweg genutzt, auch wenn sich die Gegebenheiten ändern; auf gut Deutsch gesagt "treudoof". Da man in Hamburg in den 50er und 60er Jahren teils zahme Gänse ausgewildert hat, kehrt ein Teil dieser Nachkommen zum Brüten immer in die Stadt zurück. Sicherlich wären andere Gebiete ohne Hunde und mit ausreichend Wiesen (Nahrung) wesentlich besser geeigent um den Nachwuchs großzuziehen, aber ihr "Traditionsbewusstsein" lässt die Brutpaare immer wieder nach Hamburg zurück kommen. Wir leben ja auch nicht alle auf den Malediven ;-)

Täglich Brot

Zum Futtern geht's auf die Wies'n. Graugänse sind reine Vegetarier und suchen den Großteil ihrer Nahrung an Land. In der Stadt werden meist größere Rasenflächen oder Wiesen in Parkanlagen in Wassernähe aufgesucht. Blumenrabatten werden nur äußerst selten aufgesucht - solche Bepflanzungen scheinen für Gänse ungenießbar zu sein - sie zupfen lieber das Gras dazwischen ab. Sportplätze werden im Winter gerne aufgesucht; mit Vorliebe Rasenplätze. Denn die meisten Plätze sind dann gesperrt und die Gänse haben freie Bahn. Denn dort, auf Friedhöfen oder in Gärten haben Graugänse vor allem Schutz vor Hunden, der Jagd durch den Menschen und können dann ungestört fressen; die Frühjahrsdüngung des Platzes gibt es inklusive.

Federwechsel

Im Mai und Juni mausern Graugänse. Dann kann es auf manchen Parkgewässern recht voll werden. Aus den unterschiedlichsten Regionen kommen Graugänse zum Mausern in die Hansestadt; man kann quasi von einem regelrechten "Mausertourismus" sprechen.
Während der Mauser können die Gänse nicht fliegen und bilden zu ihrer Sicherheit oft große Trupps. Einer der größten Mauserplätze ist die Außenalster.
In dieser Zeit erneuern die Gänse ihre Schwungfedern, mit denen sie sich sonst in der Luft halten können. Dabei werden die alten abgenutzten Federn komplett abgeworfen und wachsen innerhalb von vier bis fünf Wochen nach.

Viele Gänse = viele Brutpaare?

Eine Gans kommt selten allein. Zwar treten Gänse häufig in größeren Trupps auf, doch diese Zahlen täuschen über die wirkliche Zahl der  Brutpaare hinweg - wirklich brüten tut nämlich nur ein kleiner Teil von ihnen.
Freier "Wohnraum" in Hamburg ist auch für Graugänse rar geworden, denn gute Plätze zum Brüten sind begrenzt und stark umkämpft. Nur die Stärksten setzen sich durch und beginnen mit der Brut. Da Graugänse erst im dritten Lebensjahr geschlechtsreif werden, hält sich ein Teil sowieso vom Brutgeschehen fern. Viele Gänse brüten nie in ihrem Leben.
In Hamburg gibt es kaum noch unbesetzte Brutreviere - so müssen die Paare sich entweder "hocharbeiten" oder umherstreifen und nach neuen Brutplätzen suchen. Mit den Brutplätzen in Hamburg ist es wie mit einem Parkplatz in der Innenstadt - wird was frei, findet sich sofort ein neuer Interessent.
Zudem wandern zunehmend Raubtiere in die Stadt ein. Regelmäßig werden Gänse am Nest von Füchsen gerissen und so werden einige Brutplätze wieder aufgegeben. Gänse, welche nicht brüten, bilden also eine Art Brutreserve und sind sogenannte Nichtbrüter.

In Hamburg brüten 270 Paare der Graugans (MITSCHKE 2012, Hamburger Brutvogelatlas), rund die Hälfte davon im Stadtgebiet.
Das sind 0,4 Brutpaare pro Quadratkilometer.

Viele Brutpaare = viel Nachwuchs?

Dies wird häufig angenommen. Eine Erhöhung der Brutpaare klingt im ersten Moment für viele Menschen rein mathematisch gesehen nach noch mehr Nachwuchs. Natürlich nimmt ein Bestand erstmal zu, wenn ein Ort neu besiedelt wird. Irgendwann ist aber die Obergrenze durch begrenzende Faktoren erreicht, denn der Lebensraum und die darin enthaltene Nahrung bleiben in der Regel gleich. Ein bestimmter Lebensraum bietet nur einer bestimmten Anzahl von Gänsen ausreichend Nahrung und Brutmöglichkeiten; deswegen können die Bestände auch nicht unendlich wachsen. Die Grauganspopulationen in Hamburg sind daher nach einem Anstieg bis Anfang der 2000er Jahre stabil.

Am Öjendorfer See sind seit 1987 beispielsweise 2439 Graugänse geschlüpft, flügge wurden 1473 (Stand 2016, H.-J. Hoff). Nach dem Flüggewerden verenden viele weitere Junggänse bei ihren ersten Flugversuchen. Dennoch brüten nun keine 1473 Gänse am Öjendorfer See, sondern jährlich 20 bis 30 Paare. Die Obergrenze ist erreicht, mehr geeignete Brutplätze und Nahrung gibt es nicht. Füchse, Hunde, Silbermöwen und Seeadler machen den brütenden Gänsen und dem Nachwuchs "das Leben schwer".

Rückläufige Bestände

Während einige Populationen gewachsen sind und andere Gebiete neu besiedelt wurden, gingen/gehen andere Bestände zurück. Teilweise wird ein ganzes Gebiet als Brutplatz aufgegeben. Denn seit einigen Jahren wandern auch mehr Raubsäuger wie Füchse in die Stadt und besiedeln teilweise auch Parkanlagen. Ein einziger Fuchs kann eine ganze Population vertreiben. Regelmäßig werden brütende Gänse auf ihren Nestern gerissen, denn einige Füchse sind gar nicht mal so wasserscheu wie oft behauptet wird.

Dieses Projekt befasst sich ausschließlich mit den Graugänsen aus Parkanlagen. Beringt und regelmäßig erfasst werden die Gänse in diesem Projekt von ehrenamtlichen Mitarbeitern und Beringern der Vogelwarte Helgoland, des Arbeitskreises an der Staatlichen Vogelschutzwarte Hamburg oder rein privat.

Gemeint sind die Bereiche in denen die Graugans als zutraulicher Parkvogel vorkommt.
In diesen Parkanlagen herrscht meist nur eine geringe Fluchtdistanz zum Menschen und die Vögel reagieren auf Fütterungen.
Natürlich verbringen viele Hamburger Graugänse einen großen Teil ihres Lebens außerhalb Hamburgs; dazu in den folgenden Artikeln mehr.