Warum sind die Gänse teilweise so zutraulich? Warum ziehen nicht alle Gänse weg?

Noch im 19. Jahrhundert war die Graugans als Brutvogel im norddeutschen Raum so gut wie ausgestorben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg erholten sich die europäischen Bestände langsam und wurden durch Wiederansiedlungsmaßnahmen unterstützt.

Zum besseren Verständnis der verbreitungsgeschichtlichen Hintergründe der Graugans im Hamburger Raum ein Zitat von KREUTZKAMP (1996):

„Starke Bestandsabnahmen im 19. Jahrhundert wurden ausgelöst durch Zerstörung der Bruthabitate, Meliorationen, lang ausgedehnte Jagdzeiten, Eierabsammeln und Wegfangen von Jungvögeln (KNIEF in BERNDT & BUSCHE 1991).

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts gab es keine Brutvorkommen im Hamburger Berichtsgebiet, denn BÖCKMANN (1876) erwähnt die Art nur als Durchzügler im Niederelberaum.
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In den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts setzte allgemein eine Bestandszunahme der Graugans ein. Unterstützt wurde die Wiederausbreitungstendenz durch vielerorts in Mitteleuropa unternommene Ansiedlungs- und Wiederansiedlungsversuche (u.a. HUMMEL 1978, RUTSCHKE 1987, BRUNS 1989, KNIEF in BERNDT & BUSCHE 1991, MOOIJ 1995).

In jener Zeit unternahmen auch im Hamburger Stadtgebiet eine Reihe von Wasservogelfreunden unter Leitung von H. NIESS (NIESS 1967) Wiederansiedlungsversuche.
Auch im Umland der Großstadt wurden bis in die 80er Jahre zahme Graugänse teils angesiedelt, teils durch Wasservogelhaltungen verbreitet.
Auf diese Quellen gehen die jetzigen Hamburger Stadt- und Umlandbestände zurück. Eine Durchmischung der inzwischen halbwilden Gänse durch Verpaarung mit Wildvögeln auf den Rast- und Überwinterungsplätzen im norddeutschen Raum und in begrenztem Umfang auch den Niederlanden ist anzunehmen.“

Und warum sind die Gänse teilweise so zutraulich?

Da die Graugans in Deutschland so gut wie ausgestorben war gab es nur noch einige Vorkommen in Zoos oder bei privaten Wasservogelzüchtern. Bei Wiederansiedlungsmaßnahmen griff man häufig auf diese zahmen Vögel zurück. Die Gänse waren also an den Menschen gewöhnt. Gänse geben solches Verhalten an ihren Nachwuchs weiter. Sie zeigen ihren Küken beim Aufwachsen dass der Mensch in der Stadt meist keine direkte Gefahr darstellt und halten in den Parks oft nur geringe Fluchtdistanzen zu uns ein. Dies wird von Generation von Generation übertragen.
Außerhalb der Parks werden Gänse jedoch oft bejagt und verhalten sich dort dem Menschen gegenüber entsprechend scheu - sie wissen also "gans" genau wie sie sich wo zu verhalten haben.

Warum ziehen nicht alle Gänse weg?

Der Vogelzug ist bei Gänsen nicht angeboren sondern muss erst erlernt werden. Junge Gänse bleiben fast das komplette erste Lebensjahr bei ihren Eltern und bekommen von diesen alles gezeigt: Zugwege, Zugzeiten, Rastplätze, etc. Erst im folgenden Frühjahr verlassen die Jungvögel mal mehr mal weniger freiwillig ihre Eltern und sind dann auf sich allein gestellt.

Den Gänsen aus den damaligen Wiederansiedlungsmaßnahmen fehlten diese Informationen vom Zug völlig. Ihnen hat niemand Irgendetwas gezeigt!

Ein Teil der ausgesetzten Gänse blieb also vor Ort, andere zogen mit den restlichen wilden Artgenossen mit und wieder andere flogen "auf eigene Faust" los.
Daher stammt das heutige Phänomen der vielen unterschiedlichen Zugstrategien der Hamburger Graugänse in alle Himmelsrichtungen. Mittlerweile verlassen die meisten Graugänse Hamburg nach der Brutzeit wieder. Es sind nur sehr wenige Gänse welche ganzjährig in der Stadt "hocken" und einen Aktionsradius von maximal vier Parkanlagen haben.

Wenn man also heutzutage im Winter Graugänse sieht liegt das nicht unbedingt am Klimawandel.

Durch unsere Beringungen können wir diese Entwicklung und die Verbreitung der Graugänse verfolgen und nachvollziehen.