Seit einigen Jahren können im Hamburger Stadtgebiet vermehrt „Patchworkfamilien“ beobachtet werden. Kanadaganspaare führen plötzlich Graugansgössel! Wie kann das passieren? Das Ergebnis eines Seitensprungs?


Nein, weil das Gössel dann keine reine Graugans wäre, sondern ein Mischling (Hybride).

Graugänse brüten meistens früher im Jahr ab März. Kanadagänse oft erst im April. Wenn es nun ein kaltes Frühjahr oder einen verspäteten Wintereinbruch gibt, verschiebt sich die Brutzeit der Graugänse logischerweise nach hinten: in die Brutzeit der Kanadier. Die Kanadagans ist meistens etwas größer als die Graugans und ihr häufig körperlich überlegen. Es gibt allerdings viele Brutgebiete, in denen das Miteinander gut funktioniert und beide Arten parallel zueinander ihre Jungen großziehen. Wenn also nun ein Grauganspaar verspätet mit der Brut beginnt, kann es passieren dass nach kurzer Zeit die Kanadagänse ebenfalls „in Stimmung“ kommen und nun diesen Brutplatz für sich beanspruchen. Meist haben die Graugänse keine Chance. Die Kanadagänse zerstören nicht etwa das Nest ihrer Vorgänger und bauen ein neues, sondern bebrüten das bereits bestehende Nest und legen ihre eigenen Eier hinzu. Damit aber beide Arten schlüpfen, muss das Graugansnest schon nach wenigen Tagen der Brut übernommen werden, damit die Bebrütungszeit der Eier in etwa gleich ist. Wenn die Gössel geschlüpft sind, sieht erstmal alles „gans“ normal aus. Für „Otto Normalbeobachter“ scheint es sich um eine ganz gewöhnliche Kanadagansfamilie zu handeln.

Gans sicher?

Mit der Zeit stellt man aber fest, dass Schnabel und Beine der „Kuckuckskinder“ immer heller werden. Das ist das beste Unterscheidungsmerkmal:
Graugansgössel bekommen nach einigen Tagen einen gräulichen Schnabel bzw. haben eine helle Schnabelspitze und olivgraue Beine.
Bei Kanadagansgösseln sind Schnabel und Beine schwarz. Auch wirken Kanadagansgössel mit ihren dunklen Knopfaugen viel gelber und Graugansgössel dagegen eher oliv-gelb. Bei Kanadagansgösseln ist häufig nach einigen Tagen ein Ohrenfleck zu sehen.
Die Kanadaganseltern scheint dies nicht zu stören; sie reagieren sogar auf die Graugansrufe ihrer „Adoptivkinder“. Auch wenn sie völlig anders aussehen und klingen behandeln die Eltern die jungen Graugänse wie ihren eigenen Nachwuchs. Es gibt sogar Fälle, in denen Kanadaganspaare ausschließlich Graugansgössel führen. Die meisten Mischfamilien führen allerdings beide Arten als Gössel. Die jungen Graugänse werden also auf die Kanadagänse geprägt.

 


Spannend ist es nun herauszufinden, wie sich die Lütten verhalten, wenn sie selbständig werden:

  • Verpaaren sich diese Gänse mit Artgenossen oder mit Kanadagänsen?

  • Gibt es dabei Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein?

  • Spielen dabei das Umfeld und das dortige Artenverhältnis eine Rolle?

  • Sind Kanadagänse mit Graugansgeschwistern auch auf Graugänse geprägt?

Glücklicherweise ist es uns in den letzten Jahren immer gelungen, alle in Kanadagansfamilien aufgewachsenen Graugansgössel zu markieren, sodass wir bald erste Antworten auf diese Fragestellungen bekommen werden. Es übernehmen fast ausschließlich Kanadagänse Graugansnester, da Graugänse meistens früher im Jahr mit der Brut beginnen. Die brütende Graugans wird vom Nest vertrieben und das Gelege wird einfach übernommen.

 

Hybriden zwischen Grau- und Kanadagans

Hybriden, also Mischlinge zwischen diesen beiden Arten, entstehen nämlich auf genau diese Weise. Eine Graugans wurde durch Adoption auf Kanadagänse geprägt und findet tatsächlich eine Kanadagans, welche eine "Beziehung" mit ihr eingeht. Nach einer erfolgreichen Brut schlüpfen nun Hybriden zwischen Grau- und Kanadagans.
Bei den meisten Mischfamilien ist die Graugans der Vater. Flirten ist nämlich bei Gänsen in der Regel Männersache. Er sucht aus, bzw. sie lässt sich erobern. Eine weibliche Graugans, welche auf Kanadagänse geprägt ist, wird allerdings trotzdem von einer männlichen Graugans angebalzt; für ihn scheint ja (vorerst) alles "normal" zu sein.
Wenn allerdings eine männliche Graugans mit einer weiblichen Kanadagans flirtet, versteht sie erstmal nur "Bahnhof", lässt sich dann aber scheinbar häufig doch von seiner Entschlossenheit beeindrucken und verpaart sich mit ihm. Daher sind die Graugänse in den meisten Fällen die Väter von solchen Hybriden und die Kanadagans die Mutter.


Diese Hybriden können die unterschiedlichsten Formen und Farben haben. Meist ähneln sie mehr einer Kanadagans und die meisten Hybriden verbringen ihre Zeit auch mit diesen. Allerdings geht so eine Mischung nur einmal, Hybriden scheinen unfruchtbar zu sein. Bisher sind keine erfolgreichen Bruten eines Paares bekannt, bei dem ein Elternteil nachweislich ein Hybride ist. Oft sind männliche Hybriden recht kräftig und dominant. Nur bringt ihnen bzw. ihrer Partnerin dies nicht viel, wenn Nachwuchs gewünscht wird.