Bei vielen Gänsepaaren liegt der Brutplatz weit entfernt von dem Ort wo der Nachwuchs "großgezogen" wird. Denn viele Brutplätze bieten zwar guten Schutz für das Nest, aber oft nicht ausreichend Nahrung für die Gössel.

Fallbeispiel Eppendorfer Moor

Das NSG Eppendorfer Moor südlich des Flughafens bietet mit seinen ausgedehnten Bruchwäldern und Schilfgürteln ideale Brutbedingungen für Graugänse. Im Feburar, sobald das Eis geschmolzen ist, tauchen die ersten Paare im Moor auf und die Rangordnung bzw. der Brutplatz werden klar gemacht. Je nach Wasserstand bietet das Moor mal mehr mal weniger geeignete Brutplätze (am besten kleinere Inseln) und so kann die Zahl der brütenden Gänse teilweise stark schwanken.

Leider gibt es seit 2011 im NSG Eppendorfer Moor keine erfolgreichen Graugansbruten mehr.

Viele brütende Gänse verschwanden spurlos. Füchse, unangeleinte Hunde gelangen durch die zunehmende Verlandung und häufiges Austrocknen des Moores an die Nester. Die jahrelang bestandene Tradition soll hier dennoch beschrieben werden, da es weiterhin Gebiete gibt wo dieser Strategie nachgegangen wird.

NSG Eppendorfer Moor

Nach dem Schlüpfen der Küken (Gössel) stellt sich aber die Frage, wovon sich die Familien ernähren sollen. Zwar wächst in diesem Gebiet eine unglaubliche Anzahl an Pflanzenarten, doch brauchen Gänse Wiesen oder Rasenflächen, da ihre Hauptnahrung vorallem aus bestimmten Gräsern, Kleesorten und anderen Wiesenpflanzen besteht. Wiesen existieren im NSG Eppenrofer Moor allerdings kaum.
Da das Moor keine Zuflüsse besitzt und nur von Regenwasser gespeist wird, trocknet es zum Sommer hin teilweise stark aus und verlandet in manchen Bereichen völlig. Auch fehlen größere Wasserflächen und Inseln als Schutz vor Feinden.

Was tun!?

Manch Spaziergänger stellt sich die Frage, ob die Graugänse keinen Bruterfolg haben. Im Frühjahr sind doch so viele Gänse hier...

Eine geniale Strategie hat sich entwickelt.

Sobald die Lütten geschlüpft sind, wandern die Familien nach ca. 3 Tagen ab. Dies passiert meist sehr unauffällig. Die Gänseeltern sind extrem wachsam und schleichen sich meist "gans" unauffällig in einem Gewaltmarsch über einzelne Gewässer aus dem Moor in Richtung Alsterkrugchaussee. Man muss Glück haben, eine Familie im Eppendorfer Moor zu Gesicht zu bekommen oder sie sogar beim Überqueren vom Ring 2 zu beobachten. Das Ziel sind die Wiesen und Parkanlagen entlang der Alster.
Hat eine Familie erstmal das Moor verlassen, kehrt sie nicht wieder dorthin zurück.


Auf Verkehrszeichen wird beim "Übersetzen" nicht geachtet. Meist queren die Familien mittags oder nachmittags die Straßen. "Gans" orientierungslos, wie sie dann manchmal scheinen, sind sie allerdings nicht. Was für ahnungslose Autofahrer wie ein unkontrolliertes Umherirren schlecht gelaunter Gänseeltern erscheint, ist in Wirklichkeit eine geplante und von den einzelnen Paaren traditionell festgelegte Route. Ein Elternteil "checkt" am Straßenrand die Lage und sobald kein Bello sichtbar und der Verkehr gerade weniger geworden ist, geht es los. Während der Überquerung haben es die Familien sehr eilig. Sie können nicht bei Gefahr ins Wasser flüchten sondern wären im Ernstfall eine leichte Beute; Wegfliegen käme für eine verantwortungsvolle Elterngans nie in Frage! So dauert die Wanderung vom Moor bis zur Alster meist nur wenige Minuten.

Auch wenn es teilweise ziemlich gefährlich erscheint, kommen die Familien in der Regel heil an der Alster an. Die meisten Autofahrer erblicken rechtzeitig die Gänsefamilie und bremsen "auch für Tiere".

Graugansfamilien aus dem NSG Eppendorfer Moor tauchen entlang der gesamten kanalisierten Alster mit ihren angrenzenden Kanälen auf. Regelmäßig wandern Familien beispielsweise vom Moor aus bis zum Stadtpark oder zur Binnenalster. Oft schwimmen die Familien innerhalb kürzester Zeit die Strecken zu ihren Stammgebieten. So legen sie mit ihrem winzigen Nachwuchs bis zu 8 km innerhalb eines Tages zurück! Die Schleusen in Ohlsdorf und am Rathaus bzw. die Kanalenden vom Isebek- und Osterbekkanal stellen die Wanderungsgrenzen für die Familien dar.
Solche Wanderungen können regelmäßig auch an anderen Orten beobachtet werden.

Solche Wanderungen über Straßen etc. sind allerdings meistens einmalig und zwar dann wenn sich die Familie vom Brutplatz zum Aufzuchtsgewässer bewegt.


Ohlsdorfer Friedhof

Mehrere Jahre brütete ein Paar auf dem Ohlsdorfer Friedhof. Die Mutter schlüpfte am Bramfelder See, der Vater im NSG Eppendorfer Moor (er wusste also wie man wandert). Den Nachwuchs wollten die beiden aber lieber an der Alster großziehen. Vielleicht ist ein Friedhof in ihren Augen kein Ort um "Kinder" großzuziehen. Laut Stadtplan liegt der Zielort fast mittig zwischen ihrer Heimat und seinem Schlüpfort. So enstand auch hier eine feste Wanderroute.
Leider wurde die Mutter im Frühling 2016 am Nest gerissen. Wir sind gespannt ob nun der Nachwuchs aus den letzten Jahren diese Tradition fortsetzt.


Vom Friedhof zur Alster