Im 3. Lebensjahr werden Graugänse geschlechtsreif. Die weiblichen Gänse verpaaren sich meist früher als ihre männlichen Artgenossen. Denn bei den Gänsen ist das Flirten Männersache! Zunächst verfolgt er seine Auserwählte auf Schritt und Tritt. Er watschelt ihr pausenlos hinterher und schwimmt immer neben ihr. Dabei senkt er den Kopf und stellt die Flügel leicht hoch - ähnlich wie ein Schwan. Diese Balzhaltung wird "Koggenhaltung" genannt. Dies erinnert an einen schüchternen Jungen, der sich immer in der Nähe seiner Herzensdame aufhält, aber sich nicht traut sie anzusprechen.
Nach dieser "Kennlernphase" folgt das "Aktive Flirten": Er gewinnt einen Kampf, bzw. jagt einen "Mitbewerber" davon, kommt dann auf seine Auserwählte zu und verkündet lautstark seinen Sieg. So erobern sie das Herz der Gänsedame. Der Typ "Macho" ist gefragt!
Bis einer junger Ganter in der Lage ist, ebenfalls mal einen anderen zu "verhauen", kann es schon etwas länger dauern. So sind die "Mädels" häufig schon im 2. Lebensjahr, kurz nachdem sie im Frühjahr ihre Eltern verlassen, vergeben. Junge Ganter bleiben dagegen meist ein Jahr oder noch länger "Single". Daher gibt es oft Paare, bei denen sie im 2. Lebensjahr ist und er im dritten.

Die Frauen haben "das Sagen"

Die meisten Paare finden sich im Frühjahr. Oft lernt "man" sich auch in Rastgebieten außerhalb der Stadt kennen. Wenn sich nun eine "Hamburger Deern" mit einem nichtstädtischen Ganter zusammentut, muss dieser ihr in die Stadt folgen und lernen mit der Nähe der Menschen klarzukommen. Eine Gans, welche beispielsweise am Plöner See aufgewachsen ist, ist die Nähe zum Menschen nicht gewohnt. Was eine Gans nicht kennt, macht ihr Angst!
Anfangs sind diese Neulinge daher noch recht scheu und zurückhaltend, doch lernen sie schnell von ihren Artgenossen, dass es sich auch in Parkanlagen gut leben lässt. Brot kennen sie natürlich aus ihrer "wilden" Heimat auch nicht, aber auch hierbei kommen sie schnell auf den Geschmack.
Andersherum kommt es genauso häufig vor, dass sich ein "Hamburger Jung" in eine nichtstädtische Gänsedame verliebt, ihr dann in ihre "wilde" Heimat folgt und nie wieder eine Parkanlage betritt oder ein Stück Brot verzehrt.

Daher sind es meistens männliche Gänse, welche zur Brutzeit in anderen Populationen auftauchen und sich dort niederlassen. Weibliche Gänse sind eher heimatverbunden, was den Neststandort angeht und folgen häufig den Traditionen ihrer Eltern. Über die Hälfte der jungen Ganter schließt sich anderen Populationen an und kommt oft gar nicht mehr in die Heimat zurück.

Gans neu? Lieber nicht!

Wenn ältere Gänse ihren Partner verlieren, versuchen sie meist innnerhalb ihrer Population (Nachbarschaft) einen neuen Partner zu finden. Gänse sind halt Gewohnheitstiere; was ihnen bekannt ist gibt ihnen Sicherheit und sie müssen sich nicht auf neue Gebiete/Gegebenheiten umstellen. Das ist sehr spannend, da sich solche neuen Paare häufig schon über Jahre kennen, teilweise auch nebeneinander (damals noch mit ihren ehemaligen Partnern) gebrütet haben oder in einem Verband den Nachwuchs großgezogen haben. Hauptsache ein neuer Partner aus dem "Bekanntenkreis".

Wird ein ranghoher Ganter Witwer bzw. Single, "holt" er sich oft einen ebenfalls erfahrenen Brutvogel als Partnerin. Dabei muss der eigentliche Partner meistens weichen oder es kommt zu teils heftigen Kämpfen. Da aber solche starken Ganter die "Damen" in der Regel beeindrucken, verpaaren diese sich dann meistens mit dem Neuen.

Wird eine bruterfahrene Gans single, gibt es offenbar kaum etwas Attraktiveres für die "Männer". Oft werden die eigentlichen Partnerinnen dann verlassen, um sich dann mit dieser erfahrenen Gans zu verpaaren.